Der erste Schritt

Eine Reise von 1000 Meilen beginnt mit dem ersten Schritt…(Lao-Tse). Mit DEVIEMED als Logopädin in Vietnam (23.03.-07.04.2007)

Logopädie in Vietnam: Als mich im Frühjahr 2006 Dr. med. Christoph Isselstein anrief und fragte, ob ich DEVIEMED bei ihrem nächsten Einsatz nach Vietnam begleiten wolle, war ich sofort begeistert.

Dr. med. Isselstein erzählte mir, dass der Verein eine ganzheitliche Versorgung von Patienten mit Lippen-Kiefer-Gaumenspalten anstrebe, d. h. mit integrierter Nachsorge. Meine Aufgabe sollte darin bestehen, diese Möglichkeiten für meinen Fachbereich zu prüfen, probeweise zu arbeiten und Kontakte zu knüpfen.

Mit diesen Informationen stürzte ich mich in die Vorbereitung.

1.Vorbereitung, Erwartungen, Gedanken im Vorfeld

Ausgiebige Internetrecherchen über Erfahrungen mit humanitären Einsätzen auf dem Gebiet der Logopädie blieben erfolglos. Einzig der Kontakt zu einer schweizerischen Stillberaterin, Christa Herzog-Isler, die schon 7x in Indien Spaltkinder betreut hat, war mir nützlich. Frau Herzog-Isler war sehr hilfsbereit. Sie riet mir, vor allem beim ersten Einsatz die Gelegenheit zu nutzen, den Umgang der Eltern mit ihren Kindern und umgekehrt zu beobachten und Kontakt mit ihnen aufzunehmen. Es sei wichtig, die asiatische bzw. vietnamesische Kultur kennenzulernen, um daraus Erkenntnisse für meine therapeutische Arbeit zu ziehen, statt westliche Maßstäbe gedankenlos eins zu eins auf andere Menschen übertragen zu wollen.

Via Internet stieß ich auf einen vietnamesischen Multimedia-Sprachkursus, den ich gleich euphorisch bestellte, in dem festen Vorsatz, Grundkenntnisse der vietnamesischen Sprache zu lernen ...die Begeisterung hielt nicht lange an. Sich nebenbei nach Feierabend im Selbststudium eine Sprache beizubringen, die überhaupt keine Gemeinsamkeiten mit unseren romanischen Sprachen hat, war für mich schier unmöglich. Aber ich hatte nun eine Ahnung von dem Klang, der Intonation und der normalen Nasalität.

Apropos Sprache: Oft bin ich vorab gefragt worden, wie ich es mir als Logopädin vorstellen könne, sprachtherapeutisch in einem fremden Land zu arbeiten, ohne die Landessprache zu beherrschen. In der Behandlung der Rhinophonie geht es um die Förderung der Mundmotorik und der orofazialen Sensibilität, es geht um Luftstromlenkung, Atem-, Stimm- und Resonanzübungen sowie auditive Differenzierungsübungen (nasal - nicht nasal). Therapiebereiche, die man den Kindern (und Erwachsenen) durch vor- und nachmachen spielerisch nahe bringen kann. Mit viel Spaß, Körpersprache, Gestik, Mimik, einem Kuddelmuddel aus Englisch, Deutsch und helfenden Übersetzern wurde meine Überzeugung auf dieser Reise bestätigt: Kommunikation ist auf vielfältige Weise universell möglich!!

Die Einsatzvorbereitungen liefen weiter. Da ich keine Ahnung hatte, welche Patienten, welcher Altersstufen mich erwarten würden, bereitete ich mich vom Säuglings- bis zum Erwachsenenalter auf unterschiedliche Herausforderungen vor.

2. Tatsächliche Situation vor Ort

Die Vietnamesen waren überhaupt nicht auf das Thema Nachsorge eingestellt. Die meisten Patienten waren mit der Erwartung gekommen, dass ihnen operativ geholfen werden könne. Ein Bewusstsein für funktionelle Behandlungsmöglichkeiten gibt es in der Bevölkerung überwiegend nicht. Zunächst hatte ich keine Patienten, die logopädisch behandelt werden konnten, da die Frischoperierten noch nicht therapiefähig waren. Im C-Hospital gibt es keine Säuglingsstation, somit bestand auch kein Beratungsbedarf über Still- und Ernährungsfragen im Säuglingsalter. Ich nutzte die Zeit, um bei Operationen zuzuschauen, Dr. med. Isselstein bei seinem Hörgeräteprojekt im Krankenhaus und im Kinderheim zu begleiten sowie mich im Krankenhaus umzusehen. Unsere kleinen und großen Patienten waren in 10 Bettzimmern mit ihren Angehörigen untergebracht (zum Teil waren ca. 30 Personen in einem Raum), dabei geduldig, freundlich - in Deutschland undenkbar! Ich hielt mich dort häufig auf und knüpfte auf diese Weise schnell Kontakte. Die freundliche, herzliche Art der vietnamesischen Eltern, ihrer Kinder sowie der erwachsenen Patienten, der einheimischen Ärzte und Krankenschwestern fasziniert mich bis heute.

Bald sprach man mich von vielen Seiten an, häufig handelte es sich um Kinder mit hochgradigen Hör- und daraus resultierenden Sprachproblemen. Diese verwies ich dann an die HNO- Abteilung oder gab einfache Ratschläge zur Förderung der Sprachentwicklung. Spürbar war ein großes Bedürfnis nach Beratung und Unterstützung bei Sprach-, Sprech- und Hörproblemen unterschiedlicher Genese. Logopädie ist in Vietnam noch ein völlig neues Gebiet, die Menschen müssen mit ihren Schwierigkeiten ohne professionelle Unterstützung zurechtkommen.

3. Erste Patienten

Nach einigen Tagen ergab sich bei der Vorstellung neuer Patienten, dass mir zwei Jungen im Alter von 9 und 10 Jahren zugeteilt wurden, denen operativ nicht zu helfen war.

Der erste Junge hatte ein offenes Näseln nach Gaumenspalten-Op im Jahr 2000. In drei Sitzungen erarbeiteten wir spielerisch erste Übungen zur Förderung der Mundmotorik, Luftstromlenkung und zur Gaumensegelkräftigung. Der Vater, der über einfache Englischkenntnisse verfügte, war während der Therapie anwesend. Er wurde aktiv miteinbezogen und über Übungsmöglichkeiten im häuslichen Alltag informiert.

Der zweite Junge, 10 Jahre alt, hatte keine Spaltproblematik, sondern wurde aufgrund von Sprechproblemen vorstellig. Ich konnte eine Dyspraxie der Zunge, eine hypotone Lippenmuskulatur und Hypersalivation mit verminderter Schluckfrequenz beobachten. Schwerpunktmäßig führten wir in vier Sitzungen Übungen zur Verbesserung der Lippenkraft sowie Sensibilitätsübungen zur Verbesserung der sensorischen Funktionen der Zunge durch. Die Mutter war auch in diesem Fall bei der Therapie anwesend. Sie verfügte über gute Englischkenntnisse und war sehr interessiert an den Behandlungsmöglichkeiten. Per E-Mail stehen wir weiterhin in Kontakt.

In beiden Fällen konnten nur Fördermöglichkeiten ausprobiert werden. Einen sicht- bzw. messbaren Behandlungserfolg kann man in so kurzer Zeit nicht erwarten.

4. Grenzen und Möglichkeiten der Logopädie

Bei meiner logopädischen Arbeit mit vietnamesischen Spaltpatienten kann es primär nur um die Verbesserung des Stimmklangs, der Luftstromlenkung, der Gaumensegel- und orofazialen Beweglichkeit gehen. Es geht nicht darum, Sprachentwicklungsstörungen zu erkennen oder zu behandeln. Da sind mir als deutsche Logopädin, die des Vietnamesischen nicht mächtig ist, ganz klare Grenzen gesetzt.

Durch einen jährlichen zweiwöchigen Einsatz kann man langfristig nur etwas erreichen, wenn man Fachleute vor Ort in das Projekt mit einbindet, die in der Lage sind, die eigene Arbeit weiterzuführen. Es reicht nicht aus, jemandem vom Pflegepersonal ein paar spielerische Fördermöglichkeiten zu zeigen. Therapeutisches Verständnis ist wichtig, denn bei allen Übungsmöglichkeiten besteht auch immer die Gefahr, dass die Patienten hyperfunktionell versuchen ihre Schwächen zu kompensieren. Um solchen möglichen Problemen vorzubeugen, bedarf es einer gezielten Schulung und Begleitung.

Während meines Aufenthalts in Danang hatte ich die Möglichkeit, die Leiterin der physiotherapeutischen Rehabilitationsabteilung des C-Hospitals, Frau Nguyen Thi Thanh Binh, kennenzulernen. Frau Nguyen Thi Thanh Binh ist sehr daran interessiert, in die therapeutische Nachsorge bei Spaltpatienten miteinbezogen zu werden. Sie stellte in Aussicht, einen Mitarbeiter ihrer Abteilung, Herrn Nguyen Chat, der zum Zeitpunkt unseres Aufenthaltes für zwei Monate zur Weiterbildung in Hanoi war, evt. für logopädische Schulungen freizustellen. Über E-Mail Korrespondenzen werden weitere Möglichkeiten der Zusammenarbeit noch abgeklärt.

Langfristige Schulungsinhalte (in englischer Sprache) könnten sein:

• die Erarbeitung von Anamnese-, Diagnostik- und Beratungsbögen angepasst an vietnamesische Verhältnisse (Dr. med. Hop Van Ta hat sich freundlicherweise bereit erklärt, hierbei ggf. behilflich zu sein.)

• Erläuterung und Demonstration unterschiedlicher Fördermöglichkeiten unter Einbeziehung der anatomischen, physiologischen und pathologischen Grundlagen

• begleitend Hospitation und Supervision evt. unterstützt durch Videoaufnahmen

Es geht darum, das Bewusstsein in der Bevölkerung zu schärfen und die Kompetenzen der vietnamesischen Mitarbeiter zu erweitern - Logopäden kann und will ich nicht ausbilden.

Des Weiteren habe ich mit dem Direktor des C-Hospitals und der HNO-Ärztin Frau Dr. Trung Nguyen Thi vereinbart, vor einem möglichen weiteren logopädischen Einsatz frühzeitig miteinander in Kontakt zu treten. Die Patienten, die bereits operativ versorgt wurden, könnten sich dann rechtzeitig zur Nachsorge ins Krankenhaus begeben.

Während eines zukünftigen logopädischen Einsatzes für DEVIEMED könnte ich mir vorstellen, zusätzlich Dr. med. Isselstein bei seinem Hörgeräteprojekt aktiv zu unterstützen. Zur optimalen Vorbereitung wäre ich bereit, mich durch Schulungen bei der Firma Auric in die Erstellung der Otoplastiken einzuarbeiten und meine audiometrischen Kenntnisse aufzufrischen.

Sister Catherine von der Than Tam Schule ist ebenfalls an logopädischen Schulungen für ihre Mitarbeiter interessiert, sie könnte übersetzend fungieren, der Kontakt über E-Mail läuft bereits.

6. Danksagung

Abschließend möchte ich mich in erster Linie bei Dr. med. Christoph Isselstein bedanken, der den Anstoß für meinen Einsatz in Vietnam gegeben und mir sein Vertrauen geschenkt hat.

Und bei DEVIEMED, insbesondere bei meinem ganzen Team: Danke für die herzliche Aufnahme und Unterstützung!

Danke meiner Familie, meinen Freunden und Kolleginnen, die vor, während und nach der Reise einfach für mich da waren und sind!

Claudia Sandkötter, Logopädin

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