2016/03 Da Nang

Der Einsatz vom März 2016

  

Insgesamt waren wir eine mit 15 Personen recht große Gruppe, die jedoch die geballte Kompetenz aus den Bereichen MKG-Chirurgie, Anästhesie, Kieferorthopädie, Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde und erstmals auch Logopädie einschließlich der unverzichtbaren Anästhesie- und OP-Schwestern beinhaltete. Die umfassende Betreuung aus kinderärztlicher Sicht konnte wieder von Herrn Dr. Van Hop Ta gewährleistet werden, ohne dessen unermüdliches Wirken als Mittler zwischen Vietnamesen und Deutschen der Einsatz sicherlich nicht möglich gewesen wäre.

Zum zweiten Mal hat uns auch Frau Dr. Hang Nguyen, eine junge hals-nasen-ohren-ärztliche Kollegin aus Köln, begleitet, die alle Patienten untersucht und in vielen Fällen auch Paukenröhrchen gelegt hat. Sie stammt aus Hanoi und war dadurch in der Lage, uns wertvolle Kontakte sowohl an der Universität in Hanoi als auch zu dortigen Regierungsstellen zu vermitteln.

Zusätzlich wurden wir noch von einer jungen Anästhesistin in Weiterbildung und einer Hörgeräteakustikerin (beide aus Vietnam stammend) begleitet, die sich uns freiwillig als Selbstzahler angeschlossen haben. Beide konnten ebenfalls viel Positives für unsere Patienten bewirken.

Im Da Nang Orthopedics and Rehabilitation Hospital hatte ein Wechsel in der Leitung stattgefunden. Glücklicherweise wurden wir von dem neuen Direktor Dr. Do van Thanh, einem orthopädischen Chirurgen, herzlich willkommen geheißen. Er hat uns für die gesamte Dauer des Aufenthaltes nicht nur halbtags einen Anästhesisten und zwei Anästhesiepfleger, sondern auch die gesamte Mannschaft der operativen Abteilung (OP-Pfleger, Putzkräfte, etc.) zur Verfügung gestellt, so dass wir über neun Arbeitstage mindestens zwei, oft jedoch auch drei Operationstische besetzen konnten. Insgesamt war es möglich, 88 Kinder und Jugendliche mit Fehlbildungen des Kiefer- und Gesichtsbereiches operativ zu versorgen. Neben den üblichen Lippen-Kiefer-Gaumen-Spalten gehörten hier auch zwei seltenere Formen der Gesichtsspalte und eine junge Frau mit einem (gutartigen) Tumor im Augenunterlid dazu.

Es hatten sich auch noch etwa 15 weitere Patienten mit der Bitte um eine Operation bei uns vorgestellt. Die Mehrzahl davon werden wir voraussichtlich im September versorgen können, da sie entweder noch nicht kräftig genug waren oder Vorerkrankungen aufwiesen, die erst ausgeheilt werden mussten. Für einen Patienten bedarf es eines gewissen Spezialinstrumentariums zur Überwachung der Funktion des Gesichtsnerven, um die bei ihm ausgeprägten (wahrscheinlich gutartigen) Tumore der Wangenregion zu entfernen.

Die Operationstage begannen in der Regel mit der Visite um 8 Uhr und dauerten zum Teil bis abends um 8 Uhr an.

 

  

 

Zu meiner größten Freude verlief die Wundheilung bei den allermeisten Patienten trotz der nicht immer ganz einfachen äußeren Umstände komplikationsfrei.

Frau Professor Stellzig-Eisenhauer hat parallel zum operativen Tagesgeschäft wieder die Weiterbildung von Zahnärzten vor Ort vorgenommen. Von besonderer Bedeutung war die Tätigkeit der Sprachwissenschaftlerin Frau Dr. Ann Dieckmann aus Rostock, die sich sehr vieler Patienten bezüglich einer Verbesserung von Gesichts- und Mundmotorik angenommen und entsprechend die Weiterbildung einheimischen Personals durchgeführt hat.

Bei der Schlussabrechnung mit dem Krankenhaus war es uns möglich, die Gesamtausgaben für unsere Patienten mit ca. 6.000 € etwa auf dem Stand des Vorjahres zu halten. Nach Aussage der Klinikleitung sei jedoch aufgrund einer Gesetzesänderung im Dualsystem der Krankenhausfinanzierung mit einer nahezu hundertprozentigen Erhöhung der Behandlungskosten zu rechnen. Dem steht gegenüber, dass in Vietnam mittlerweile alle Kinder bis zum 6. Lebensjahr freie Heilfürsorge haben sollen, sofern sie von einem ländlichen Hospital in die Stadt eingewiesen werden. Angesichts unseres begrenzten Budgets wollen wir bei der Rekrutierung zukünftiger Patienten vermehrt auf diese Möglichkeit achten. Dies haben wir auch unseren vietnamesischen Kollegen mitgeteilt, die hier im Vorfeld tätig werden.

Im Zusammenwirken von Herrn Dr. Long aus Da Nang und Herrn Dr. Van Hop Ta kam es bereits in der ersten Woche zu einem Treffen mit dem Vize-Direktor der Universität in Da Nang, der uns einen Erlass der zentralen Regierung in Hanoi vorlegte, der es der Medizinischen Universität Da Nang ermöglicht und diese auch dazu auffordert, nicht nur das Medizin- sondern auch das Zahnmedizinstudium so zu gestalten, dass ein Abschlusszertifikat erteilt werden kann. Hierzu wäre unsere Hilfe von größtem Nutzen. Der Dekan der Medizinischen Universität hat nunmehr freie Hand, mit uns zu kooperieren.

Nach diesem ersten Vorgespräch war es dann einige Tage später möglich, im feierlichen Rahmen ein "memorandum of understanding" zwischen der Universität Da Nang und DEVIEMED zu unterzeichnen. Hierin wird der gemeinsame Wille erklärt, in Lehre, Krankenversorgung und Forschung Projekte zu unternehmen. Ich durfte dann noch eine 45-minütige Vorlesung über die Bedeutung der Anatomie in der Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie vor etwa 150 Studenten des 2. Studienjahres halten.

Im Anschluss daran haben sich fünf dieser jungen Kollegen mit der Bitte an uns gewandt, mehr über uns zu erfahren und gegebenenfalls auch in den kommenden Jahren bei uns mitzuwirken. 

Im Rahmen unserer klinischen Tätigkeit konnte ich dann auch den jungen Kollegen Hien kennenlernen, der mir als Interessent für eine Dissertation avisiert worden war. Er wirkte zunächst recht zurückhaltend, hat mir dann aber gut bei einigen Eingriffen assistiert und sich auch nach meiner Rückkehr nochmals bei mir gemeldet. Ich konnte ihm noch in Vietnam Anleitung zur Anfertigung einer Dissertation unter Verwendung der von uns gesammelten Daten der letzten 500 Patienten in Da Nang geben. Hier entsteht möglicherweise die Gelegenheit, einen interessierten jungen Kollegen dauerhaft als Ansprechpartner in Da Nang zu etablieren.

Herr Dr. Long selbst erwies sich zwar als gute Stütze während des Einsatzes, hatte jedoch keine unserer Auflagen erfüllt, die sich auf die Dokumentation und intensivere Vorbereitung während unserer Abwesenheit erstreckten. Somit wird er auch nur noch für die Tätigkeit bezahlt werden, die er direkt bei unseren Einsätzen leistet.

Ein weiterer Kontakt hat sich zu einem etwa 40-jährigen Kollegen aus Hue ergeben, der schon über einige Erfahrungen in der Spaltchirurgie verfügt. Auch er will sich wissenschaftlich mit Anschluss an die Universität Leipzig betätigen. 

Über unsere hals-nasen-ohren-ärztliche Kollegin Frau Dr. Hang Nguyn erhielt ich schließlich die Gelegenheit zu einem Besuch der Universitätsklinik/-Zahnklinik in Hanoi. Dort habe ich ein Gespräch mit dem Kollegen geführt, der verantwortlich ist für die Verteilung von Absolventen der Klinik auf die verschiedenen Hospitäler des Landes. Er sagte mir beim Abschied zu, Absolventen, die aus Da Nang kämen, dem dortigen Hospital zur weiteren Ausbildung zuzuweisen.

Ich hatte vorher Gelegenheit erhalten, ihm und auch dem stellvertretenden Direktor der Universitätszahnklinik in Hanoi unsere Vereinigung vorzustellen und in diplomatischer Weise darauf hinzuweisen, dass es uns nicht nur um das schnelle operative Versorgen von Spaltpatienten geht, sondern um die umfassende Rehabilitation dieser Gruppe. Hier würden wir uns ganz wesentlich von anderen international tätigen Organisationen unterscheiden, die im Wesentlichen nur operieren möchten. Dieses Gespräch war etwas schwierig, da mir bekannt war, dass vonseiten der Hanoier Universität Kontakte zu "Operation Smile" bestehen, die mit viel Geld oftmals junge, noch unerfahrene Chirurgen in die ganze Welt schicken, damit sie unter Anleitung eines erfahrenen Professors möglichst viele "Trainingsfälle" operieren.

Gerade diesen letzten sehr wichtigen Punkt der Unterscheidung von anderen Gruppen habe ich dann in das Gespräch mit dem Vorsitzenden des Politbüros der Vaterländischen Front von Vietnam, Herrn Präsidenten Nguyen Hang Then am letzten Tage unseres Aufenthaltes in Hanoi verdeutlichen können. Er nimmt nach meiner Kenntnis in etwa die Stelle eines Ministerpräsidenten in unserem Regierungssystem ein. Es handelt sich um eine beeindruckende Persönlichkeit, die drei Jahre in Magdeburg studiert und dort einen Doktor in Kybernetik gemacht hat sowie darüber hinaus zwei Jahre an der Vietnamesischen Botschaft in Ost-Berlin bis zur Wende tätig war. Er hat Frau Hang und mich sehr liebenswürdig empfangen und das gesamte Gespräch in exzellentem Deutsch mit mir geführt.

Er schien sehr an unserer Tätigkeit interessiert zu sein und sagte die Prüfung der Unterstützung unserer Bitte nach Verbesserung der materiellen und personellen Infrastruktur am Rehabilitationshospital in Da Nang zu. Er wollte auch darauf hinwirken, dass Sozial- und Gesundheitsministerium zusammenarbeiten, da sich hier die Zuständigkeitsbereiche wohl überschneiden. Dort sehe ich die größte Chance für DEVIEMED, sich auch langfristig offiziell der Unterstützung des Staates Vietnam zu versichern. Inwieweit dies nun auszubauen ist, wird sicherlich die nähere Zukunft zeigen.

Das abschließende Gespräch mit dem Vize-Gesundheitsminister erschien mir nicht so fruchtbar, da er sogleich darauf hinwies, dass das Rehabilitationshospital in Da Nang nicht in seinen Zuständigkeitsbereich falle. Ein sehr alerter Mitarbeiter von ihm schickte mir dann noch eine E-Mail und fragte an, ob wir nicht mit "Operation Smile" zusammenwirken würden. Die Antwort hierzu muss ich noch formulieren, da es hier offensichtlich um nicht geringe finanzielle Interessen geht.

Zusammenfassend möchte ich feststellen, dass es einer hervorragend motivierten Gruppe aus allen Fachdisziplinen und vielen Regionen Deutschlands gelungen ist, in einer kurzen Zeit einer Vielzahl von Patienten nachhaltig zu helfen und einige sehr interessante Kontakte in Vietnam für DEVIEMED zu knüpfen. Ich selber habe mich als Neuling dort extrem wohlgefühlt und freue mich sehr auf die Fortsetzung dieser Tätigkeit in den kommenden Jahren. Alle Beteiligten des aktuellen Einsatzes haben schon ihren Willen bekundet, auch im nächsten März wieder mit dabei zu sein.

 

Professor Dr. Dr. Alexander Hemprich

Präsident DEVIEMED

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